radikale nominalisierung

Radikale Nominalisierung kündigt sich an. Mit dem Streichen des Modells aus der Wissenschaft wird das an sich negativ formulierte Erkenntnisprinzip "Eine wissenschaftliche Erkenntnis kann nur widerlegt werden, niemals bewiesen"1 aufgegeben.2 Der kritische Rationalismus wird überwunden. Big Data ist nicht realistisch. Der Verzicht auf das Modell ist gleichzeitig ein Verzicht auf den "realen Grund" erscheinender Natur.

Es ist damit ein Positivismus, in dem nur das als Reales anerkannt wird was die Protokollsätzen festgehalten. Ist es im Logischen Positivismus eine formale Reduzierung der Welt auf Protokollsätzen so wird mit Big Data ernst gemacht mit den Forderungen nach dem Festhalten der Wirklichkeit als Protokollsätze. Eine immer größere werdende Anzahl an Sensoren schreiben Protokollsätze die einen positiven Gehalt über die Wirklichkeit aussagen: Wetterstationen registrieren die Temperatur an einem spezifischen Ort und zu einer spezifischen Zeit, Facebook, dass xxx yyy mag, GPS dass sich ein Handy zur gleichen Zeit in der Nähe eines anderen befindet. Algorithmen verarbeiten diese Ereignisse zu Korrelationen. So "[...] war der Positivismus konsequent zu radikalstem Nominalismus fortgeschritten: Beobachtungen und Gesetze sollte es einzig als korrelative Bestimmung in einem System von Aussagen geben."3

Dieser Positivismus in Big Data ist aber kein logischer Positivismus. Formal ist ein, auf einem Computer (einer Turing Maschine), ausgeführtes Programm selbstverständlich im strengen Sinne logisch. In der Wirklichkeit jedoch sind Computer und Programme ein von Menschen erzeugtes Produkt in einer wirklichen Welt, die sich nicht in ihrer Formalität erschöpft:

"A novice asked the master: 'I have a program that sometimes runs and sometimes aborts. I have followed the rules of programming, yet I am totally baffled. What is the reason for this?' The master replied: 'You are confused because you do not understand Tao. Only a fool expects rational behavior from his fellow humans. Why do you expect it from a machine that humans have constructed? Computers simulate determinism; only Tao is perfect.'" [The Tao Of Programming 4.2]

Ungeachtet dieses Argumentes, das sich der gegebenen Wirklichkeit bedient, ist auch formal festzustellen, dass Big Data nicht logisch ist, denn Induktion ist kein gültiges Schlussmittel, aber Induktion ist das Prinzip der Korrelation. "Daher hat der induktive Übergang von einem beobachteten Bedingungsverhältnis zu dessen allgemeiner Gültigkeit 'keine logisch strenge Berechtigung."4 Induktion kann nur als "vollständige Induktion" logisch sein. "Das positivistische System der physikalischen als der allein rationalen Aussagen umhüllt eine Sphäre des Irrationalen."5 In der Reduktion der Wirklichkeit auf "[...] korrelative Bestimmung in einem System von Aussagen"6 ist der Logische Positivismus ein Idealismus, die Welt wird zu einem System von Aussagen, zu Geist. Einen Subjektivismus. Im Gegensatz zum Logischen Positivismus ist Big Data ein objektiver Idealismus.  Berkleys "Sein heißt Wahrgenommen werden" kommt dem nahe, ist es bei Barkley Gott, der uns alle wahrnimmt und so im Dasein hält, ist es bei Big Data das Netz.

Und worauf bezieht sich Korrelation? Es scheint als sei das "Gesetz der großen Zahlen" das einzige universale mathematische Prinzip.7 Also worauf bezieht sich Korrelation? Es bleibt so unklar, wie es der Mechanismus der Bilderkennung bei Google oder FB ist.8 Die großen neuronalen Netze sind analytische Blackboxen, sie werden trainiert. Der Backpropagation Algorithmus ist gut bekannt, trotzdem haben wir keine Kenntnis, wie die Erkennungsleistung per Deep learning realisiert wird. Ist Poppers Kritischer Rationalismus abgleitet aus der Erkenntnis "das wir die wahren Sätze nicht von den falschen unterscheiden können" und "bleibt ihm nur der Sprung ins Irrationale: das >>methaphysische Glauben<< an reale erkennbare Gesetzmäßigkeiten in der Welt"9, verschiebt Big Data dieses Unwissen in die Algorithmen und Maschinen. Zwar sind die Beschreibungen der Algorithmen verfügbar, aber die Beschreibung einer Methode ist nicht identisch mit dem Wissen und dem handhabenden Gebrauch. Das ist Searles Chinesisches Zimmer Argument.

Ist es bei Poppers Kritischen Rationalismus der irrationale Akt des Glaubens an eine gegebene Welt, die erkennbar ist, so siedelt Big Data das Irrationale weit außerhalb des subjektiven Bereiches an, mitten in das Objektive, in die Maschinen und Programme. In dieser externalisierten Irrationalität kündigt sich ein neues mystisches Zeitalter an. Mystisch, als das die Opferung von Daten wie das Opfer des Lammes die Götter gnädig stimmen mag auf dass sie Regen schicken oder ein Gesicht erkennen, eine neue Konsumentengruppe oder einen Terroristen. Mystisch weil pantheistisch: "Die Natur ist verstummt, aber die Maschinen werden auf einmal lebendig."10 Und mystisch vor allem, weil diesem Denken die kritische Reflexion fehlt.

Big Data ist positivistisch sowohl in der Feststellung von Protokollsätzen über die Welt, als auch in den Korrelationen. In den Korrelationen wird der normative Charakter sichtbar, die positive Bestimmung erfasst auch sie: Die Konsumentengruppe, der Terrorist, als Ergebnis der Korrelation positiv bestimmt, setzt Prozesse in Bewegung, die am Ende die Wirklichkeit nach der positiven Bestimmung ausrichten. Sind es Marketingstrategien, die implementiert die Konsumentengruppen erzeugen, oder die administrativen Prozesse, die Drohnen-Einsätze nach sich ziehen und Menschen töten: Die positive Bestimmung verwirklicht sich selbst.

Es ist kein Zufall, dass diese nicht logische positivistische Position in das Zeitalter des Neoliberalismus fällt. Das neoliberale und das positivistische Denken teilen sich die partikulare Einstellung. Geht im neoliberalen Denken das Wohl vom Einzelnen aus, als der atomaren Einheit eines Treibens namens "Markt", ist dieser Markt eine Sammlung partikularer Interessen, die monadenhaft in sich selbst verschlossen sind. Ein unzusammenhängendes System ohne innere Kohärenz.

Wahr ist was verkaufbar ist. Von der objektiven Grundlage entkoppelt gibt es kein Realgrund für dieses wirtschaftliche handeln, nur die Beliebigkeit der Wahl. Gekauft wird was gefällt, allein ist das Gefallen normativ bestimmt. An der Mode ist es abzulesen: Das wir neue Moden anfänglich als hässlich empfinden, so wie wir es mit den vergangenen tun, liegt an der normativ wirkenden Funktion der Adaption. Neue Mode gefällt erst, wenn die Wahrnehmung die Empfindung adaptiert hat, wenn sie unserem Nervensystem oft genug präsentiert wird. So versteht sich auch der Bruch mit den vergangenen Moden. Die Adaption schreitet voran und das ehemals Gefällige gefällt nicht mehr. Es wird nicht mehr vorgehalten: Die erstaunlichen Frisuren der 80'er, fremd und peinlich, so wie die Hornbrillen der 50'er, für die Menschen der 80'er. Allein freuen die Hornbrillen das heutige Auge wieder, werden sie wieder oft präsentiert.

Wenn wahr ist, was verkaufbar ist, wird der Markt die zweite Natur, in der sich das Produkt zu bewähren hat. Durch die Totalisierung des Marktes sind wir alle Produkt, und müssen uns bewähren. So werden wir zu dem von B.C. Han beschriebenen Projekt. "Das Projekt, zu dem sich das Subjekt befreit, erweist sich heute als Zwangsfigur, es entfaltet Zwänge in Form von Leistung, Selbstoptimierung und Selbstausbeutung."11 Das Heute, von dem Adorno und Horkheimer hier sprechen, ist 70 Jahre alt:"Heute, da der freie Markt zu Ende geht verschanzt sich in ihr [der Reklame, (Einfügung des Autors)] die Herrschaft des Systems."12

Ist im logischen Positivismus Bidirektionalität vorausgesetzt und ist damit eine spezifische Zuordnung möglich, ist die Kausalität, die sich in dieser Zuordnung ausdrückt, der Korrelation gewichen. In der Korrelation werden Mengen von Punkten zusammengefasst. Hängt an dem partikularen Ereignis noch die Folge, als Ergebnis einer Ursache, bleibt die Folge in der Korrelation unbestimmt. Selbst der als äquivalent definierte Wert, der Preis der Ware, ist kein einzelner Lösungspunkt einer linearen Gleichung mehr, mit Big Data wird der Preis zu dem Preis, den man bereit ist zu bezahlen. Er wird zu dem, was er im Geheimen immer schon war: einen beliebigen Datum.

Partikulare Einheiten gesammelt und verarbeitet, darauf bezieht sich Korrelation. Es ist dieselbe Korrelation, die im mystischen Denken die Beziehung zwischen Tat, göttlichem Wirken und Dasein knüpft. Es ist dasselbe unkritische Denken, Big Data ist nicht kritisch. Dieses Denken gibt das Schicksal aus der Hand. Am Schicksal hängt die Geschichte und an der Hand das Handeln. "Das Verb für die Geschichte ist handeln"13 Das Subjekt handelt nicht mehr, im besten Falle wird es behandelt als Gegenstand einer Korrelation. So zieht das Zeitalter der Entscheidungsmaschinen auf. Als "handlos fingernder Mensch"14 verwandelt wir uns zurück in die einfache Form des Deutenden.15

Das unmündige Kind, das unfähig ist zu gehen oder zu sprechen, zeigt mit den Fingern.



  1. Falsifikationsprinzip, Karl Popper
  2. Der Paradigmenstreit der Wissenschaft ist ablesbar im z.B. "Human Brain Project (HBP)" (Wo bleibt das Hirn?) Konkret gesprochen klingt es so: "Ich kann den aktuellen Großprojekten, die an der Simulation des Gehirns arbeiten, nur viel Glück Wünschen. Aus meiner Sicht liegt eine theoretische Neurobiologie, die diesen Namen verdient noch in weiter Ferne." (Gerhard Roth, Gehirn und Geist, 3/2014, S.66)
  3. Karl Heinz Haag, "Der Fortschritt in der Philosophie", Surkamp, 1. Auflage 1983, S. 146
  4. eben dort  S. 139
  5. eben dort  S. 161
  6. eben dort  S. 146
  7. Terence Tao, Spektrum der Wissenschaft 1.2014 S.60
  8. Diese neuronalen Netze werden trainiert, nicht programmiert. (Brian Hayes, Spektrum der Wissenschaften 9.2014, Seite 62.) oder Ct Wovon traeumen neuronale Netze
  9. Karl Heinz Haag, "Der Fortschritt in der Philosophie", Surkamp, 1. Auflage 1983, S. 146
  10. Danilo Flores, Hohe Luft 6/2014, S.40. Es spielt auf die "Singularity is near" Hypothese Ray Kurzweil u.a. an.
  11. Byung-Chul Han, "Im Schwarm, Ansichten des Digitalen", 2013 MSB, S. 65
  12. Horkheimer/Adorno, "Dialektik der Aufklärung", Fischer Verlag 21 Auflage 2013, S.171
  13. Byung-Chul Han, "Im Schwarm, Ansichten des Digitalen", 2013 MSB, S. 45
  14. eben dort S.48
  15. Deuten meint hier Zeigen, nicht Erklären.


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